HCU-Erfahrungsbericht IMPLAN
Erfahrungsbericht I IMPLAN Qro I Lennard Koeppen
Muchas Gracias por la curiosidad, amabilidad y hospitalidad!Vorwort
Moin, ich bin Lennard Koeppen, 22 Jahre alt und studiere Stadtplanung an der HCU. Von September bis Oktober 2025 habe ich mithilfe von Erasmus+ mein Praktikum im Instituto Municipal de Pleanación von Santiago de Querétaro in Mexiko verbracht.
Vorbereitung
Die Vorbereitung für einen Aufenthalt im spanischsprachigen Ausland hat für mich ca. 2 Jahre vor dem Auslandsaufenthalt begonnen. An der Uni Hamburg habe ich 2023 begonnen meine Schulspanischkenntnisse wiederaufzubessern. Fortan habe ich dort jedes Semester jeweils einen Sprachkurs belegt. Im Januar 2024 habe ich mich für einen Auslandsaufenthalt im spanischsprachigen Ausland beworben und habe schließlich über Umwege im Sommer 2024 ein Auslandssemsemester an der UPC-ETSAV absolviert. Da dort ein spanisches B1 als Sprachniveau verlangt wird, habe ich kurzfristig den Sommer über Spanisch-Intensivkurse im, deutlichen besseren aber auch teureren, Cervantes Institut Hamburg belegt. Anschließend habe ich im September 2024 in einer Sprachschule in Valencia mein B1 DELE-Zertifikat erlangt. Aufgrund der starken kakanischen Prägung hat mein Auslandsemsester an der ETSAV meine Spanischkenntnisse nur minimal verbessert.
Im Anschluss an das Auslandssemester an der ETSAV habe ich mich relativ spontan für die Absolvierung meines Pflichtpraktikums in México entschieden. Die Suche nach einem Praktikumsgebern gestaltete sich äußerst schwierig. Von den ca. 20 Bewerbungen, die ich an verschiedene dortige Stadtplanungsämter und Stadtplanungsbüros geschickt habe, haben mir nur 3 sehr verspätet geantwortet. Das Instituto Municipal de Querétaro (IMPLAN) hat mir als erstes mit einer direkten Zusage geantwortet. Da dem Institut jedoch keine finanziellen Mittel zur Förderung meines Praktikums zur Verfügung stehen, habe ich mich für die Erasmus+ Förderung entschieden. Nach einer Bewerbung für die Fördermittel, konnte ich dank guter Kooperation mit dem International Office und dem IMPLAN schnell alle, für den Aufenthalt erforderlichen Dokumente, vorlegen. Für ein unbezahltes Praktikum ist in Mexiko kein Visum notwendig und die Einreise gestaltete sich dementsprechend als sehr einfach – man bekommt einen Stempel mit der maximalen Aufenthaltsdauer in den Reisepass.
Unterkunft
Vor meinem Praktikumsbeginn habe ich die Zeit genutzt und bin 2 Wochen lang quer durch das Land gereist. Das ist absolut empfehlenswert, weil Mexiko ein unglaublich vielfältiges (und riesiges) Land ist !
Die Wohnungssuche ist in México deutlich einfacher als in europäischen Großstädten. Auch wenn der Wohnungsmarkt hier sehr angespannt ist, liegen die Mieten auch in zentralen Lagen selten höher als 300 – 400 Euro. Mexiko-Stadt stellt hier eine Ausnahme da. Die für mich einfachste Option für einen Aufenthalt von zwei Monaten war es, ein gemeinsam genutztes Airbnb zu buchen. Die zentrale Lage, nahe am Platz Guerero, hat sich absolut ausgezahlt – der Weg zur Arbeit hat nur 5 Minuten zu Fuß in Anspruch genommen. Bei der Buchung einer Wohnungen in Mexiko sollte man sich darauf einstellen, dass ungleichmäßiger Wasserdruck und der ein oder andere Stromausfall Teil der Erfahrung sind. Wen es nach Santiago de Querétaro verschlägt, dem würde ich unbedingt dazu raten, im historischen Zentrum der Stadt zu wohnen. Die Angebotsvielfalt, Fußgängerfreundlichkeit sowie Sicherheitsaspekte spielten eine zentrale Rolle für mich.
Praktikum im IMPLAN
Im Rahmen meines Erasmus+ Praktikums hat es mich nach Mexiko verschlagen, um herauszufinden, wie Stadtplanung hier praktiziert wird. Im Instituto Municipal de Pleaneación, der am schnellsten wachsenden Stadt der nördlichen Hemisphäre, durfte ich 8 Wochen lang miterleben, wie die mexikanische Arbeitswelt und Arbeitspraxis funktioniert. Während der 8 Wochen, habe ich meine Zeit der Erstellung eines Altas de desigualdad gewidmet. Auf Basis einer Q-Gis Datenanalyse und einer Feldbegehung, habe ich einen Indize erstellt, der die Ungleichheiten in der Stadt abbildet. Der selbständig und in Eigenarbeit erstellte Bericht umfasst 88 Seiten. Ich konnte zwischen verschiedenen Aufgaben wählen und habe mich für diese entschieden. Sehr wertgeschätzt habe ich die Bereitschaft meiner Kollegen, mich in externe Besprechungen miteinzubiehen und somit meinen Blickwinkel für die Herausforderungen der Stadt zu weiten. Das Praktikum war herausfordernd, durch zum einen die sprachliche Barriere, und andererseits die intensive Auseinandersetzung mit Q-Gis und der Geodatenverarbeitung. Mir hat die Arbeit hier im IMPLAN dennoch sehr viel Freude bereitet und mein Spanisch hat sich im Laufe des Praktikums auch deutlich verbessert. Alle Mitarbeitenden sind außerdem sehr viel lebensfreudiger als in Deutschland. Mein Team werde ich sehr vermissen, da es mich auch nach der Arbeit vielfach in ihr Leben integriert hat. Was ich an der mexikanischen Kultur unglaublich zu schätzen gelernt habe, ist, dass es anders als Deutschland keine starke Trennung zwischen Arbeit und Privatem gibt. So habe ich mit meinen Kollegen von Brettspielabenden, Yoga und Geburtstagen bis hin zu kleinen Reisen viel gemeinsam erleben können.
Vom Praktikum und dem interkulturellen Austausch kann ich persönlich und beruflich viel mitnehmen. Mir ist beispielsweise klar geworden, dass wer sich in Hamburg über Ungleichheit beklagt, der hat noch nicht gesehen, dass es in Lateinamerika sehr viel besorgniserregende Tendenzen gibt. Hier reihen sich in besorgniserregend zunehmenden Maße die Mauern von Gated Communites mit Golfplätzen an vernachlässigte informelle Siedlungen. Noch nie habe ich eine derartige starke soziale Segregation wahrgenommen, zwischen Haushalte die 8 Autos besitzen und Anderen, die jeden Tag Kilometer zu Schule laufen. Während Deutschland es geschafft hat eine Mitteklasse aufzubauen, leben in Mexiko weiterhin ca. 50% der Bevölkerung in Armut. Darüber hinaus ist mir klar geworden, dass die Armutsdefintionen der Weltbank für Deutschland Armut gar nicht abbilden können, weil beispielsweise absolute Armut in Deutschland nicht existiert.
Ein weiterer in Mexiko sehr relevanter Aspekt ist die gefühlte Unsicherheit. Ich habe mich in Mexiko nirgends unwohl oder unsicher gefühlt, was vielleicht auch daran liegt, dass ich umsichtig gereist bin und mich fast vollständig in Gebieten ohne Reisewarnung aufgehalten habe. Meine Kollegen haben mir allerdings Geschichten vom Nachbarstaat Guanajuato erzählt, wo sich bekriegenden Drogenkartelle, die Köpfe ihrer Feinde an Brücken aufhängen… Dennoch finde ich es interessant, dass ich selbst in den sicheren Gebieten die Städte anders erfahren habe als in Deutschland. Unbehelligt nach Einbruch der Dunkelheit durch einen Park zu gehen, den Bus zu nehmen oder gewisse Viertel zu besuchen, habe ich hier stets vermieden.
Der dritte Aspekt, der meinen Aufenthalt geprägt hat, ist die Korruption: Bauauflagen haben genauso wie Nutzungsänderungen in eigentlich geschützten Gebieten einen Preis, im Büro „arbeiten“ eine handvoll Menschen, die vom Bürgermeister geschickt worden sind und nichts tun oder die Doppelstruktur zwischen dem IMPLAN und dem Stadtplanungssekretariat sind nur drei Beispiele für Korruption, die ich selbst erlebt habe. Am überraschendsten war für mich, dass die Bezahlung im Büro außerdem nicht von der eignen Position abhängt, sondern wie gut man sich mit gewissen Personen versteht.
Das Praktikum hat mir die Augen geöffnet für all diese Aspekte, über die wir uns bei der Stadtplanung in Deutschland sicherlich weniger Gedanken machen. Das Praktikum hat meine Sprachkenntnisse verbessert, meine Kenntnisse in der Geodatenverarbeitung auf ein neues Niveau gebracht und mich gleichzeitig darin bestärkt, einen Karriereweg mit mehr intermenschlicher Interaktion und weniger Bildschirmzeit zu suchen. Insgesamt haben mich das Erasmus+ Auslandssemester und das Erasmus+ Praktikum meine zentralen Stärken erkennen lassen: Neugierde, Adaptivität und Resilienz.
Alltag und Freizeit
Querétaro befindet sich in sehr guter Ausgangslage für zahlreiche Trips an den Wochenende. Ein absoluter Muss sind die nahegelegenen Pubelos Magicos San Miguel de Allende sowie Guanajuato-Stadt, die wirklich bezaubernd sind. Darüber hinaus liegt Mexiko-Stadt nur wenige Stunden entfernt und ist immer eine Reise wert. Sehr zu empfehlen ist außerdem Guadalajara. Alle diese Städte sind mit Mexikos exzellenten Reisebusunternehmen wie ADO oder ETN super bequem, sicher und günstig zu erreichen. Eine Bahn gibt es nicht. Neben Städtetrips kann ich sehr empfehlen, Tanzkurse zu besuchen. In Mexiko wird viel Salsa, Bachata, Cumbia, Merengue und co getanzt und meist muss man für Tanzstunden in Bars oder Brauereien gar nicht oder kaum etwas zahlen. Nennenswert sind in Querétaro insbesondere die Brauerei Hercules oder die Gruppe RumberosQuerétaro, die über Instagram zu finden ist. Neben dem 9 to 5 Praktikum und dem Tanzen blieb mir meist nur noch Zeit für einen kurzen Besuch im Fitnessstudio.
Über das mexikanische Essen habe ich mit anderen Deutschen lange Unterhaltungen geführt, die einen mögen es gar nicht, die anderen lieben es. Ich würde mich mittig positionieren und sagen, dass es meinen hohen Erwartungen nicht gerecht geworden ist. Gleichzeitig gibt es viele leckere Gerichte in der mexikanischen Küche, wie Tortas oder Pozoles die in Deutschland kaum bekannt sind. Mittlerweile vermisse ich neben einem Döner und Käse aber insbesondere die Angebotsvielfalt in Deutschland.
Fazit
Die HCU hat leider nur eine Kooperation mit der Universität von Buenos Aires in ganz Mittel- und Südamerika. Dabei ist es gerade hier im globalen Süden, wo sich Städte in einem rasanten Tempo entwickeln. Querétaro ist in nur 50 Jahren um 1.700 % (Punkte statt Komma: eintausendsiebenhundert) gewachsen! Was das mit den sozialen Dynamiken einer Stadt macht, wie es Ungleichheiten verstärkt und damit in der lateinamerikanischen Stadt ganz andere Notwendigkeiteiten hervorbringt, lässt sich mit einem Erasmus+ Praktikum in Mexiko wunderbar erfahren. In Deutschland beklagen sich Menschen, dass die Bahn 5 Minuten zu spät kommt, während in Mexiko große Teile der Bevölkerung keine gesicherte Wasserversorgung haben. Ein Praktikum in Mexiko ist daher nicht nur spannend, sondern öffnet einem auch das Blickfeld für ganz andere städtische Problemfelder. Das IMPLAN in Querétaro zeigt sich auf Nachfrage offen, für weitere motivierte Praktikanten der HCU mit Spanischkenntnissen. Vielleicht markiert mein Aufenthalt ja erst den Anfang eines neuen Austauschprogrammes, von dem beide Seiten viel lernen könnten.
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