Der Spion, der mich liebte
heißt in meinem Fall Ana. Dass dieser Teil meines Erasmus-Aufenthaltes zwar Teil sovieler guter Erasmusgeschichten ist, hat mich noch lange nicht glauben lassen, dass ich hier jemanden finden würde, den ich und der mich doch ganz besonders lieb hat. Den Umständen meiner Reisepläne geschuldet, ist es leider nicht für länger bestimmt und wir sind getrennte Wege gegangen. Dennoch ist und bleibt es, vielleicht der beste, auf jeden Fall aber der errinerungswürdigste Teil meines Erasmussemsters in Barcelona.
Anfang März war ich auf einem Sprachtandem-Erasmusabend, bei dem ich im gedanklich schon wieder auf dem Weg war. Denn die Anfangszeit war eine echte Belastungsprobe, und ich war noch ziemlich fertig von der Überschneidung beider Semester, der Organisation von Camp America und dem Erasmus-Socialising. Wie sich dann herausstellen sollte waren an diesem Abend noch einige weitere interessante Menschen anwesend, von dessen Anwesenheit ich erst im Nachhinein erfahren sollte. Jedenfalls haben wir uns dort in der Bar getroffen, bei ihrer Suche nach jemanden, mit dem Sie italienisch üben kann. Das war natürlich nicht ich, sondern Mr ChatGPT links im BeReal. Glücklicherweise habe ich offenbar einen interessanten Eindruck vermittelt, woraufhin wir angefangen haben, uns für Dates zu verabreden.
Ana ist genauso alt wie ich, studiert im schönen Italien (Padova) genauso wie hier in Barcelona Literaturwissenschaften. Besonders spannend fand ich von Anfang an, wo sie ursprünglich herkommt. In diesen Zeiten ist es, dem deutschen Narrativ folgend, der Feind und unsere größte Bedrohung - Russland. Ich wäre jedoch nicht ich, wenn ich nicht auch das ganze Grau zwischen all dem Schwarz und Weiß sehen würde und deshalb erklärter Gegner vom generalisieren bin.
Der genaue Stadtname fällt mir nicht mehr ein, zur Einordnung erinnere ich mich noch, dass sie aus einer Stadt, 10 Stunden mit dem Zug entfernt von Moskau, kommt. Besonders spannend fande ich, als sie mir erzählt hat, dass sie in Russland häufiger in einem Sommercamp gearbeitet hat. Von den Bildern und Geschichten her zu urteilen, haben die Sommercamps für Kinder in Russland erstaunlich viel mit den amerikanischen gemeinsam: es sind wunderschöne Orte, in denen die Kids in beiden Ländern frei von gesellschaftlichen Zwängen sind und jeder problemlos er/sie selbst sein kann. Bis zum Angriffskrieg auf die Ukraine hat Sie in Moskau studiert. Da sie nicht damit leben konnte, dass ihr eignes Land, die Grenzen auf dem europäischen Kontinent neu verschieben will, hat sie sich entschieden nach Italien zu emigrieren.
Ich wüsste selbst nicht, was ich machen würde, wenn in Deutschland die AFD in zwei oder drei Bundestagswahlen an die Macht kommt und irgendwelche Nazis in der Partei beschließen, Polen anzugreifen. In diesen Tagen habe ich mich auch oft gefragt, was Opa Peter mir dazu erzählt hätte. Wahrscheinlich hätte er genau die historische Parallele gesehen, das es immer eines guten Vorwandes für einen Krieg braucht, den die Bevölkerung aber eigentlich gar nicht will. In diesem Kontext fällt mir ein, wie Hitler immer betonte sich um den Frieden zu bemühen.
Essenz des Gedankenausflugs: Sie ist natürlich keine Putin-Unterstüzerin. Jemand, der ein solches Menschenbild vertritt, könnte ich mich vermutlich nicht annähern. Ganz im Gegenteil ist sie Putin-Gegner und hat sich lautstark und klar kritisch gegen den Krieg geäußert, wissentlich, dass die Polizei einen dafür verhaften kann. Dieser Mut hat mich wirklich zutiefst beeindruckt. Ich weiß jetzt, mehr als vorher noch, unsere Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit zu schätzen, die, wie ich einmal in der Schule gelernt habe, so weit reicht, bis sie andere verletzt. Damit ist unsere verfassungsrechtlich-garantierte Meinungsfreiheit meiner Meinung nach sogar besser als das amerikanische Modell unbegrenzter Meinungsfreiheit.
Das Gedankenspiel zu ende geführt würde ich klar selbst in einem AFD-Staat gegen die AFD sein, ich bin mir aber nicht sicher, inwiefern ich mein Leben dafür auf's Spiel setzen würde. Eine solches Maß an Selbstlosigkeit für die Prinzipien einer demokratischen Grundordnung wie Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde zu beweisen, hat für mich gezeigt, dass sie nicht nur ein freiheitsliebender, sondern auch ein überaus herzensguter und integrer Mensch ist.
Dieser Blogeintrag muss jetzt auch einmal zu ende geschrieben werden. Seit Tagen bin ich nicht dazu gekommen. Natürlich bedeutet mir die Zeit mehr als mein reines Politikinteresse. Seit dem sie nach Barcelona gezogen ist, vorher wohnte sie im Vorort haben wir viel zusammen gemacht, viel erlebt. Obwohl wir beide immer gut zu tun hatte, haben wir uns doch mind. 2x die Woche sehen können. War ich traurig am Anfang des Endes? Na klar, aber nicht so am Boden zerstört wie nach Amerika. Was ist meine Quintessenz, was nehme ich von der Erfahrung mit:
- die besten Entscheidungen sind eine Mischung aus Bauch und Kopf.
Erst auf den Bauch hören,
dann mit dem Kopf gegenchecken
und wenn es sich dort irgendwo auf halben Weg richtig anfühlt,
dann hat man die richtige Entscheidung getroffen.
side note: in den Patientenfragebögen von Ärzten gibt es zur Erstellung der Diagnose auch die offizielle Frage: welche Behandlung sich richtig anfühlt (so oder so ähnlich)
- Kommunikation ist essenziell.
- Abhängigkeiten sind schlecht.
- Liebe kann auch einfach(er) sein.
- gute (mexikanische) Freunde um einen rum, sind gold wert




Kommentare
Kommentar veröffentlichen